Niedrigwasser

Wie viel Wasser führen Flüsse und Grundwasserleiter gerade, gemessen an dem, was an derselben Stelle zu dieser Jahreszeit üblich ist? Und ab wann sagt das etwas über das Klima aus?

Diese Seite behandelt Niedrigwasser nach derselben Logik wie Waldbrand: vier Ebenen, streng getrennt. Was Sie hier gerade sehen, ist die aktuelle Lage. Sie wird zwar gegen die Jahre 1991 bis 2020 verglichen, ist aber trotzdem keine Klimaaussage. Die entsteht erst aus der Reihe über Jahrzehnte.

Vier Ebenen: und nur zwei liefern Klimaaussagen

Auch Niedrigwasser lässt sich auf vier Ebenen betrachten. Sie werden strikt getrennt, weil sie Verschiedenes aussagen.

1 · Live-Lagebild

keine Klimaaussage

Aktuelle Messwerte für Wasserstand, Abfluss, Grundwasserstand und Quellschüttung. Eine Momentaufnahme, kein Trend.

2 · Niedrigwasserklassen

keine Klimaaussage

Vier einheitliche Klassen von „kein Niedrigwasser“ bis „extrem niedrig“. Eine Bewertung der Lage, keine Klimaaussage.

3 · Historische Reihen

Klimaaussage

Niedrigwassertage seit 1991, je Halbjahr und Flussgebiet. Hier, und erst hier, entsteht die Klimaaussage.

4 · Projektionen

Klimaaussage

Künftige Abflussentwicklung unter Szenarien, mit Pflicht-Unsicherheitsband. Klimaaussage über die Zukunft.

Alle vier Ebenen stehen unten mit Daten. Eine Einschränkung ist Absicht: Ebene 4 zeigt keine projizierten Niedrigwassertage. Das DWD-Referenzensemble liefert Klimagrößen, keine Abflüsse. Projiziert ist also die Bedingung, nicht das Ereignis, genau wie in Ebene 3 getrennt. Für den Abfluss selbst, der zusätzlich an Gewässerausbau und Entnahmen hängt, gibt es keine belastbare bundesweite Projektion.

Ebene 1

Wo gerade gemessen wird

Jeder Punkt ist eine Messstelle, eingefärbt nach ihrer heutigen Klasse. Das ist die aktuelle Lage und ausdrücklich keine Klimaaussage. Die steht weiter unten in Ebene 3. Die Karte ist bewusst von der Emittenten-Karte getrennt: Verursacher und Folgen gehören nicht in einen Kartenlayer.

Ebene 2

Die aktuelle Einstufung

NIWIS stuft jede Messstelle täglich in eine von vier Klassen ein. Verglichen wird immer mit derselben Messstelle am selben Kalendertag in den Jahren 1991 bis 2020.

Ebene 3

Die beobachtete Reihe: Niedrigwassertage seit 1991

Ein Niedrigwassertag ist ein Tag, an dem der Abfluss den MNQ unterschreitet, also den mittleren Niedrigwasserabfluss der Referenzperiode. Eine nachvollziehbare Schwellenzählung auf amtlichen Tageswerten, keine eigene Schätzung. Der Indikator lehnt sich an WW-I-6 der Deutschen Anpassungsstrategie an. Gemittelt wird über die Flussgebiete, gewichtet nach Einzugsgebietsgröße: Rhein und Elbe tragen zusammen 83 Prozent.

Fünfjahresmittel

Niedrigwassertage pro Halbjahr, gewichtetes Mittel. Sommerhalbjahr 1.4. bis 30.9., Winterhalbjahr 1.10. bis 31.3.

Warum hier keine Trendlinie steht

Eine Regressionsgerade über alle 35 Jahre ergäbe einen sauberen Anstieg von etwa 0,6 Tagen pro Jahr. Nimmt man die drei stärksten Jahre heraus, bleiben davon 0,16 übrig, praktisch nichts. Der Anstieg steckt also nicht in einer gleichmäßigen Steigung, sondern in einer Häufung extremer Jahre seit 2018. Eine Gerade würde das verdecken und obendrein eine Fortschreibung nahelegen, die die Daten nicht hergeben. Fünfjahresblöcke zeigen, was tatsächlich passiert ist.

Bedingung und Ereignis auseinanderhalten

Wie beim Waldbrand gilt: das Ereignis (Niedrigwassertage) hängt nicht nur vom Klima ab, sondern auch von Gewässerausbau, Entnahmen und Messpraxis. Die Bedingung dagegen ist reines Wettergeschehen. Deshalb lohnt der Blick auf beide.

Sommerniederschlag in Deutschland

0 → 0 mm

Erste gegen zweite Hälfte des Zeitraums. Praktisch unverändert.

Heiße Tage pro Jahr

0 → 0

Erste gegen zweite Hälfte des Zeitraums. Deutlich mehr.

Was diese Reihe nicht kann

  • 35 Jahre sind für eine Klimaaussage kurz. Der Zeitraum beginnt 1991, weil NIWIS nicht weiter zurückreicht, nicht weil dort etwas anfinge.
  • Das Messnetz ist nicht über alle Jahre identisch. NIWIS rechnet Messstellen mit mehr als zehn Prozent Fehlwerten heraus, aber welche Stellen das trifft, kann sich von Jahr zu Jahr ändern.
  • Abfluss ist kein reines Klimasignal. Gewässerausbau, Stauregelung, Entnahmen für Landwirtschaft, Industrie und Trinkwasser wirken mit. Ein Pegel misst, was ankommt, nicht was gefallen ist.
  • Diese Zahlen sind nicht der amtliche Indikator WW-I-6. NIWIS weicht bewusst ab: kürzere Reihe, alle verfügbaren Messstellen statt eines festen Satzes, Gewichtung über die Pegel-Einzugsgebiete.

Wenn die Folge die Verursacher trifft

Niedrigwasser ist die Gefahrenart, bei der sich der Kreis schließt. Thermische Kraftwerke brauchen Kühlwasser, und zwar aus denselben Flüssen, deren Pegel oben eingefärbt sind. Wird das Wasser zu knapp oder zu warm, muss die Leistung gedrosselt werden, in Einzelfällen bis zur Abschaltung. Dasselbe gilt für die Binnenschifffahrt, die Kohle und Öl transportiert, und für Industriestandorte mit Prozesswasserbedarf. Wer im Atlas die großen Punkte der Energiewirtschaft an Rhein, Elbe und Donau sieht, sieht zugleich Anlagen, die auf das angewiesen sind, was hier knapp wird.

Bewusst nur qualitativ. Eine Karte, die Kraftwerke und Pegel nach Entfernung verknüpft, würde eine Betroffenheit behaupten, die aus Nähe allein nicht folgt: es kommt auf Kühlverfahren, wasserrechtliche Auflagen und den konkreten Wasserkörper an. Solange dafür keine belastbare Datengrundlage vorliegt, steht hier ein Zusammenhang und keine Zahl.

Zum Emittenten-Atlas

Was dagegen hilft

Niedrigwasser ist der Fall, an dem sich Minderung und Anpassung besonders deutlich unterscheiden. Weniger Emissionen wirken auf die Ursache, aber langsam. Wasserrückhalt in der Fläche, Entsiegelung, Schwammstadt und Moorwiedervernässung wirken auf die Folgen, und zwar dort, wo das Wasser fehlt. Beides ist nötig, und keines ersetzt das andere.

  • ·Wasserrückhalt in der Fläche: Regen, der langsam versickert statt schnell abzufließen, füllt den Grundwasserspeicher, der im Sommer den Abfluss trägt.
  • ·Entsiegelung und Schwammstadt: versiegelte Flächen leiten Niederschlag in die Kanalisation, wo er dem Wasserhaushalt entzogen wird.
  • ·Moorwiedervernässung: wirkt doppelt, als Wasserspeicher in der Landschaft und als Kohlenstoffsenke. Einer der wenigen Hebel, die auf Ursache und Folge zugleich zielen.
  • ·Waldumbau: Mischwälder halten Wasser besser als Nadelholz-Reinbestände, und sie brennen schlechter. Derselbe Hebel wirkt auf beide Gefahrenarten dieser Seiten.

Zielkonflikt

Anpassung, die das Problem verschärfen kann

Nicht jede Maßnahme gegen eine Klimafolge macht die Lage besser. Manche verschieben den Schaden, manche verstärken genau die Ursache, gegen die sie gerichtet sind. Dafür gibt es einen Begriff: Fehlanpassung. Beim Niedrigwasser lässt sich das an einem Fall zeigen, der zugleich erklärt, warum unsere Flüsse überhaupt so empfindlich geworden sind.

Wie die Flüsse in diese Lage kamen

Der Ausgangspunkt liegt nicht im Klimawandel, sondern im 19. Jahrhundert. Vier Schritte, jeder einzeln von Fachbehörden belegt:

  1. 1Begradigung und Einengung. Ein begradigter Lauf ist kürzer und hat auf gleicher Höhendifferenz mehr Gefälle. Das Regierungspräsidium Baden-Württemberg zur Rheinkorrektion nach Tulla (1817 bis 1879): „In Folge der Korrektion nach TULLA kam es aufgrund der verkürzten Fließstrecke zur Erosion der Flusssohle.“
  2. 2Fehlender Nachschub. Wehre und Staustufen halten Geschiebe zurück. Das Bayerische Landesamt für Umwelt nennt das ein Geschiebedefizit, aus dem eine Eintiefung der Flusssohle folgt.
  3. 3Die Aue verliert ihr Wasser. Dasselbe Amt, wörtlich: „Mit der Eintiefung der Flusssohle sinken auch die Grundwasserstände und die Häufigkeit von Überflutungen in den Auen ab.“
  4. 4Was davon übrig ist. Nur etwa ein Drittel der ehemaligen Überschwemmungsflächen kann heute überhaupt noch überflutet werden. Von den verbliebenen Auen gelten neun Prozent als naturnah, 58 Prozent als stark oder sehr stark verändert.

Damit ist der Rückhalt weg, den der Abschnitt darüber als Gegenmittel nennt. Ein tiefer eingeschnittener Fluss in einer abgetrennten Aue führt Wasser schneller ab und speichert weniger. Trockenheit trifft eine solche Landschaft härter.

Der Fall: tiefer baggern

Wenn Schiffe wegen Niedrigwasser nicht mehr voll beladen fahren können, liegt es nahe, die Fahrrinne zu vertiefen. Das ist der Punkt, an dem die Kette sich schließt: Vertiefen und Einengen beschleunigt dieselbe Erosion, die den Rückhalt zerstört hat. Die Maßnahme wirkt gegen das Symptom und auf die Ursache zugleich, nur in die falsche Richtung.

Zwei Flüsse, zwei Rangfolgen

Bemerkenswert ist, dass der Bund die Frage an zwei Flüssen gegensätzlich beantwortet. Für die Elbe gilt seit dem Eckpunktepapier von 2013: „Ein Ausbau zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse findet auch künftig nicht statt.“ Die angestrebte Fahrrinnentiefe von mindestens 1,40 Metern an 345 Tagen im Jahr steht dort ausdrücklich unter dem Vorbehalt, „soweit es die Bekämpfung der Sohlerosion nicht behindert“. Am Mittelrhein dagegen ist die Vertiefung auf durchgehend 2,10 Meter seit Dezember 2016 gesetzlich festgestellter vordringlicher Bedarf. Dort hat die Fahrrinne Vorrang, an der Elbe die Sohle.

Was für die Schifffahrt spricht

Die Gegenseite hat starke Argumente, und sie gehören hierher, nicht in eine Fußnote. Als der Rhein 2018 leerlief, war das volkswirtschaftlich messbar: Nach Berechnungen des Instituts für Weltwirtschaft drückte das Niedrigwasser die Industrieproduktion in der Spitze um rund 1,5 Prozent und kostete auf Jahressicht etwa 0,4 Prozent der Wirtschaftsleistung. Und das Binnenschiff ist deutlich emissionsärmer als der Lkw: 32 gegen 118 Gramm CO₂-Äquivalente je Tonnenkilometer (Umweltbundesamt, Bezugsjahr 2024, einschließlich der Vorkette für die Energieträger).

Diese Zahl hat allerdings eine dritte Spalte. Die Güterbahn liegt bei 14 Gramm, also bei weniger als der Hälfte des Binnenschiffs. „Klimafreundlicher Verkehrsträger“ stimmt im Vergleich zum Lkw und stimmt nicht im Vergleich zur Schiene. Wer Fracht verlagern will, hat damit mehr als eine Option, und die Frage nach dem Ausbau der Wasserstraße ist nicht dieselbe wie die Frage nach der Verlagerung von der Straße.

Wo diese Zahl hingehört

Die 0,4 Prozent Wirtschaftsleistung oben sind eine Zahl für ein Ereignis, aus einer eigenen Rechnung des Instituts für Weltwirtschaft. Wie solche Schäden zusammengenommen aussehen, steht auf einer eigenen Seite: die Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums beziffert die Dürre- und Hitzesommer 2018 und 2019 zusammen auf rund 35 Milliarden Euro. Zwei verschiedene Rechnungen, zwei verschiedene Abgrenzungen. Sie werden nicht addiert.

Was der Klimawandel bisher gekostet hat

Was stattdessen diskutiert wird

  • ·Sohlstabilisierung und Geschiebezugabe setzen an der Eintiefung an, statt sie zu verstärken. An der Elbe ist das seit Jahren die vorrangige Strategie.
  • ·Rückbau, Deichrückverlegung und Auenanbindung gehen die Kette an ihrem Anfang an. Das Integrierte Rheinprogramm etwa schafft an 13 Standorten auf baden-württembergischer Rheinseite Rückhalteräume in ehemaligen Aueflächen, auf Grundlage eines Staatsvertrags mit Frankreich.

Was belegt ist, und was nicht

  • Die Wirkung auf Hochwasser ist belegt und beziffert. Das Umweltbundesamt nennt für die Nebel eine Renaturierung, die den Hochwasserrückhalteraum um rund 16 Prozent vergrößerte; eine technische Alternative hätte rund 174 Millionen Euro gekostet. Auch das Integrierte Rheinprogramm ist ausdrücklich ein Hochwasserschutzprogramm mit ökologischem Zusatznutzen.
  • Die Wirkung auf Niedrigwasser ist es nicht. Das Umweltbundesamt formuliert vorsichtig, großräumige Renaturierungen „können daher zur Vorbeugung von Niedrigwasser beitragen“. Eine Untersuchung, die diesen Effekt beziffert, ist uns nicht bekannt. Wir geben das hier so wieder und nicht schärfer, obwohl die schärfere Fassung besser in den Abschnitt passen würde.
  • Renaturierung schafft kein Wasser. Sie verbessert Rückhalt und Zeitverlauf. Ein Niederschlagsdefizit behebt sie nicht, so wenig wie eine Vertiefung es tut.
  • Der Engpass ist die Fläche. Die frühere Aue gehört heute Landwirtschaft, Siedlungen und Infrastruktur. Daran scheitern solche Vorhaben, nicht am Wissen. Und der Zielkonflikt mit der Schifffahrt löst sich nicht auf, nur weil die ökologische Seite sympathischer klingt.