Was der Klimawandel kostet
Die Kostenseite hat zwei Hälften. Was Strom kostet, steht auf einer eigenen Seite. Hier steht die andere: was die Folgen des Klimawandels in Deutschland gekostet haben und was sie kosten könnten. Beides sind Zahlen, aber es sind zwei verschiedene Arten von Zahl, und die Seite hält sie auseinander.
Warum hier zwei Arten von Zahl stehen
Eingetretene Schäden sind Summen: zerstörte Gebäude, ausgefallene Ernten, unterbrochene Lieferketten, nachträglich zusammengezählt. Szenarien sind etwas anderes: die aufaddierte Differenz zwischen zwei Modellläufen, einem mit und einem ohne fortschreitenden Klimawandel. Sie sind keine Rechnungen, die jemand bezahlt. Wer beide addiert, addiert Verschiedenes.
Eingetreten
Was schon bezahlt wurde
Alle Zahlen aus dem Projekt „Kosten durch Klimawandelfolgen in Deutschland“ von IÖW, Prognos und GWS im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums.
- Mindestens 70 Milliarden Euro durch Flutereignisse seit dem Jahr 2000. Fluten sind laut Studie die kostenträchtigsten Extremwetterereignisse in Deutschland.
- Mindestens 40,5 Milliarden Euro allein für die Überschwemmungen an Ahr und Erft im Juli 2021, davon 33,4 Milliarden direkte und 7,1 Milliarden indirekte Schäden. Die Studie nennt es „das schadensträchtigste Extremereignis der deutschen Geschichte“.
- Rund 35 Milliarden Euro für die Dürre- und Hitzesommer 2018 und 2019 zusammen. Betroffen vor allem Land-, Wald- und Forstwirtschaft sowie Industrie und Gewerbe.
- Mindestens 30.000 zusätzliche Todesfälle durch Extremwetter seit 2000. 99 Prozent davon gehen auf Hitzeereignisse zurück.
Diese Zahlen werden hier nicht addiert. Die 70 Milliarden betreffen Fluten, die 35 Milliarden Hitze und Dürre; sie stammen aus verschiedenen Teiluntersuchungen zu verschiedenen Gefahrenarten, und ob sie sich überschneiden, sagt die Studie nicht. Eine Gesamtsumme wäre unsere eigene Rechnung, nicht ihre.
Was daran der Klimawandel ist
Eine Flut kostet einen Betrag, aber dieser Betrag ist nicht „der Klimawandel“. Die Zurechnung funktioniert anders, und die Studie macht sie vor. Zur Flut im Ahrtal 2021 heißt es dort, der Klimawandel habe „die Eintrittswahrscheinlichkeit um den Faktor 1,2 bis 9 und die Niederschlagsmenge um bis zu 19 Prozent erhöht“.
Das ist die Form, in der Attributionsforschung Aussagen macht: Wahrscheinlichkeit und Intensität. Sie sagt nicht, welcher Euro-Anteil eines Schadens auf den Klimawandel entfällt, und wir sagen es auch nicht.
Szenario
Was auf Deutschland zukommen könnte
Für die Zukunft rechnet die Studie mit einem makroökonomischen Modell drei Klimapfade durch: schwacher, mittlerer und starker Klimawandel. Ergebnis für den Zeitraum 2022 bis 2050, kumuliert: 280 bis 900 Milliarden Euro. Für das Jahr 2050 entspricht das einem Verlust von 0,6 bis 1,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Gemessen wird das als kumulierte Änderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber einem Referenzlauf ohne fortschreitenden Klimawandel. Es ist also eine Differenz zweier Modellläufe, kein Rechnungsbetrag. Ein Basisjahr für die Preise nennt die Studie nicht und braucht auch keines.
Die Studie schreibt dazu selbst: „Die Ergebnisse stellen keine Prognosen oder exakten Vorhersagen dar, sondern sollen einen Eindruck der möglichen künftigen ökonomischen Folgen des Klimawandels vermitteln.“
| ohne Anpassung | mit Anpassung | |
|---|---|---|
| schwacher Klimawandel | -280 | 20 |
| mittlerer Klimawandel | -530 | -110 |
| starker Klimawandel | -910 | -350 |
Was Anpassung daran ändert
Dieselbe Rechnung mit Anpassungsmaßnahmen ergibt deutlich niedrigere Werte. Das ist der erste bezifferte Beleg auf dieser Seite dafür, dass Anpassung wirkt. Er kommt mit zwei Einschränkungen, die beide von der Studie selbst stammen.
- Anpassung beseitigt die Schäden nicht. Die Studie schreibt, sie führe „nicht dazu, dass keine Schäden durch Klimawandel mehr auftreten, sondern diese nur reduziert werden können“. Dass beim schwachen Pfad rechnerisch ein Plus steht, liegt daran, dass die Investitionen selbst die Wirtschaft anregen und die verbleibenden Schäden überwiegen. Nicht daran, dass keine mehr entstünden.
- Die Unsicherheit ist hier größer als sonst. Die Studie nennt die Ergebnisse „mit hohen Unsicherheiten behaftet“ und stellt fest: „Eine exakte Kosten-Nutzen-Analyse ist vorab nicht möglich.“ Anpassungsinvestitionen müssen getätigt werden, ohne zu wissen, wie stark der Klimawandel ausfällt.
Was in keiner dieser Zahlen steckt
Die Studie bezeichnet ihre Ergebnisse ausdrücklich als Untergrenze. Der Grund ist keine Nachlässigkeit, sondern die Grenze der Methode: ein ökonomisches Modell kann nur abbilden, was sich in Geld ausdrücken lässt. Nicht enthalten sind unter anderem:
- ·Todesfälle. Die 30.000 zusätzlichen Todesfälle weiter oben stehen im Rückblick, in den Szenariokosten sind sie nicht enthalten. Sie dürfen deshalb nicht dazugerechnet werden.
- ·Verlust an Lebensqualität und der Verlust von Kulturgütern.
- ·Verlust an Artenvielfalt durch das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten.
- ·Ganze Handlungsfelder: Fischerei, Küsten- und Meeresschutz, Wasserhaushalt und Ökosystemleistungen ließen sich nicht abbilden.
- ·Bei Hitze und Dürre fehlen flächendeckende Untersuchungen, wie sie für Stürme und Überflutungen über Versicherungsdaten existieren.
Der Verlust an Artenvielfalt taucht hier aus demselben Grund nicht auf, aus dem er auch im Hebelkatalog dieser Seite nie in einer Tonnenzahl steht: er lässt sich nicht in dieselbe Einheit bringen, ohne etwas zu erfinden. Die Studie zieht dieselbe Grenze.
Was der Artenvielfalt fehlt, und warum es keine Zahl dafür gibtWas das Modell nicht kann
Der Fachbericht kritisiert die eigene Methode, und das gehört hierher. Drei Punkte nennt er selbst:
- Linearität. Der Modellrahmen schreibt das Verhalten der Wirtschaft aus der Vergangenheit fort. Das passt für graduelle Veränderungen wie steigende Temperaturen, führt aber zu „Problemen bei der Implementierung von schockartigen Extremereignissen“: die Modellstruktur lässt die Wirtschaft nach einem Schock zum ursprünglichen Pfad zurückkehren.
- Regionale Auflösung. Manche Folgen und Anpassungsmaßnahmen wirken regional, etwa Deichbau an der Küste. Das Modell rechnet national.
- Globale Wirkungen. Der Klimawandel verursacht auch außerhalb Deutschlands Schäden, die über Handelsbeziehungen zurückwirken. Ein nationaler Modellrahmen bildet das nicht vollständig ab.
Zur Einordnung, und weil die Frage naheliegt: Wir haben nach einer belegten Fachposition gesucht, die solche Schätzungen für zu hoch hält, und keine in vergleichbarer Gewichtung gefunden. Die Kritik an makroökonomischen Schadensmodellen läuft überwiegend in die andere Richtung. Das ist keine Wertung, sondern der Stand, den wir vorgefunden haben.
Der Zusammenhang mit den Stromkosten
Auf der Kostenseite steht als vierte Ebene der Kostensatz des Umweltbundesamts von rund 200 Euro je Tonne CO₂. Das ist ein Preis je Tonne, mit dem sich Emissionen bewerten lassen, und er ist aus Schadensschätzungen abgeleitet. Die Zahlen hier sind das andere Ende derselben Frage: nicht was eine Tonne wert ist, sondern was die Folgen insgesamt ausmachen.
Quellen
Alle Zahlen dieser Seite stammen aus dem Projekt „Kosten durch Klimawandelfolgen in Deutschland“ des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), von Prognos und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS), herausgegeben vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Stand Februar 2023. Die Szenarien beruhen auf Flaute, Reuschel und Stöver (2022), „Volkswirtschaftliche Folgekosten durch Klimawandel: Szenarioanalyse bis 2050“, GWS Research Report 2022/02, gerechnet mit dem makroökonometrischen Modell INFORGE/PANTA RHEI. Die eingetretenen Schäden beruhen auf Trenczek et al. (2022). Belege und Lizenzprüfung sind im Projekt unter docs/klimafolgekosten-quellen.md protokolliert.