Artenvielfalt und Artensterben
Diese Seite heißt Artenvielfalt, weil der amtliche Indikator Bestände misst, nicht Aussterbeereignisse. Der Unterschied ist wichtig: eine Art, deren Bestand um zwei Drittel einbricht, ist nicht ausgestorben, aber sie ist auch nicht mehr da, wo sie war.
Die unbequeme Einordnung, gleich vorweg
Das Artensterben ist in Deutschland kein primäres Klimaproblem. Was die Bestände drückt, ist zuerst die Art, wie Flächen genutzt werden: Intensität der Landwirtschaft, Verlust und Zerschneidung von Lebensräumen, Stickstoffeinträge, Pestizide, Versiegelung. Und trotzdem ist der Klimawandel nicht unbeteiligt. Beide Sätze gelten gleichzeitig, und wer nur einen von beiden mitnimmt, hat die Seite falsch gelesen. Warum sie hier unter Klimafolgen steht, obwohl der erste Satz das relativiert: weil Leute das Thema hier suchen. Die Einordnung übernimmt dafür der Text, nicht die Menüüberschrift.
Was überhaupt gemessen wird
Der amtliche Indikator heißt Artenvielfalt und Landschaftsqualität. Er misst nicht Arten, sondern Bestände repräsentativer Vogelarten in verschiedenen Landschafts- und Nutzungstypen. Vögel stehen dabei stellvertretend für den Zustand ihres Lebensraums: wo ihre Bestände einbrechen, fehlt in der Regel weit mehr als die Vögel. Der Indikator stand bei … %.
80 % wovon?
Der Wert ist ein Zielerreichungsgrad. Die 100 % sind kein Naturzustand und keine vollständige Artenausstattung, sondern ein von der Bundesregierung gesetzter Zielwert, der bis 2030 erreicht sein soll. „80 %“ heißt also nicht, dass 80 % der Arten noch da sind. Es heißt, dass vier Fünftel des politisch gesetzten Ziels erreicht sind. Zum Vergleich, aus derselben Reihe: 1990 lag der Index bei 136,8, für 1970 rechnet das Umweltbundesamt einen Vergleichswert von 214,1 zurück.
Wie sich der Index entwickelt hat
Eigene Darstellung aus den Zahlen des Umweltbundesamts. Punkte sind Einzelwerte, zwischen denen nicht gemessen wurde; nur die durchgezogene Linie ist eine lückenlose Reihe. Rekonstruiertes und Gemessenes wird nie zu einer Linie verbunden.
Die Teilindexe, Stand
Daten werden geladen …
* Küsten und Meere zählt nicht in den Gesamtindex, der Teilindikator steht für sich. Der Teilindex Alpen ist über die gesamte Datenreihe ausgesetzt.
Was diese Reihe nicht ist: Die Reihe ist nicht durchgehend jährlich. 1970 und 1975 sind Rekonstruktionen, die das Umweltbundesamt selbst als eigene Datenreihe führt und nicht als Anfang der Messung. 1990 und 1995 sind Einzelpunkte. Jährlich wird es erst ab 2000. Eine Trendgerade über diese Reihe steht hier bewusst nicht: der Auflösungswechsel und die lange Seitwärtsbewegung seit etwa 2010 würden eine Genauigkeit vortäuschen, die die Daten nicht hergeben.
Woran es liegt
Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hat 2019 die direkten Treiber des weltweiten Artenrückgangs nach ihrer relativen Wirkung geordnet. Diese Rangfolge ist global, nicht deutsch. Sie steht hier, weil sie die einzige ist, die von einem zwischenstaatlichen Gremium abgestimmt wurde, und weil sie den Klimawandel weder wegschreibt noch nach vorn schiebt.
Veränderte Land- und Meeresnutzung
Der stärkste Treiber. In Deutschland heißt das vor allem: Intensivierung der Landwirtschaft, Verlust von Grünland, Verlust von Strukturen in der Feldflur, Entwässerung, Versiegelung, und die Zerschneidung dessen, was übrig bleibt. Landwirtschaftlich geprägte Lebensräume sind im nationalen Bericht überwiegend in schlechtem Zustand.
Direkte Übernutzung
Global vor allem Fischerei, Jagd und Holzeinschlag. In Deutschland deutlich schwächer als weltweit, aber in der Ostsee und in einzelnen Beständen relevant.
Klimawandel
Weltweit an dritter Stelle, und auch in Deutschland derzeit nicht der größte Treiber. Er wirkt über Dürrejahre, verschobene Jahreszeiten, entkoppelte Zeitpunkte von Blüte, Insektenschlupf und Brut, und über die Verschiebung von Verbreitungsgebieten nach Norden und in die Höhe, wo oft kein Platz mehr ist.
Stoffeinträge
Vor allem Stickstoff aus Landwirtschaft und Verbrennung, dazu Pestizide. Stickstoff wirkt als Dünger auch dort, wo Nährstoffarmut die Voraussetzung war: Magerrasen, Heiden, Moore verlieren genau die Arten, die auf arme Standorte angewiesen sind.
Invasive Arten
Der schwächste der fünf Treiber, aber örtlich entscheidend, vor allem auf Inseln und in Binnengewässern.
Was diese Reihenfolge nicht sagt: Eine Rangfolge ist keine Aufteilung. Sie sagt nicht, dass Landnutzung „x Prozent“ und Klimawandel „y Prozent“ des Rückgangs verursachen. Solche Anteile lassen sich nicht sauber trennen, weil die Treiber gemeinsam wirken. Und sie ist global gebildet. Die deutschen Zahlen dazu, welche Belastungen bei welchen Arten und Lebensraumtypen tatsächlich gemeldet werden, liefert der FFH-Bericht nach Artikel 17. Sie kommen als eigener Datenlayer nach, hier steht bewusst noch keine Prozentgrafik.
Warum das kein Freispruch für den Klimawandel ist
Wer den Abschnitt oben allein liest, nimmt leicht mit: „Klima spielt keine große Rolle.“ Das wäre falsch, aus zwei Gründen, die beide belegbar sind, ohne einen einzelnen Bestandseinbruch dem Klimawandel zuzuschreiben.
Die Rangfolge ist eine Bestandsaufnahme von heute, kein Ausblick. Sie beschreibt, was den Rückgang bis jetzt getrieben hat. Der Klimadruck nimmt in allen Projektionen zu, während Landnutzung und Stickstoff politisch begrenzbar sind. Eine Rangfolge von heute auf morgen fortzuschreiben, ist derselbe Fehler, wie aus einer beobachteten Reihe eine Klimaaussage zu machen.
Die Treiber wirken zusammen, nicht nebeneinander. Eine Population, die durch Entwässerung, Zerschneidung und Nährstoffeintrag ohnehin klein und isoliert ist, übersteht ein Dürrejahr schlechter und kann danach schwerer zurückwandern. Der Klimawandel muss nicht der stärkste Treiber sein, um der zu sein, der ein bereits geschwächtes System kippt.
Wo Klimaschutz der Natur hilft, und wo er ihr schadet
Das ist der Teil, den diese Seite liefern kann und eine reine Naturschutzseite nicht: Klimaschutz ist für die Artenvielfalt nicht automatisch gut. Manche Maßnahmen wirken doppelt, andere erkaufen Emissionsminderung mit Lebensraum. Beide Spalten stehen hier gleichrangig, ohne Wertung.
Wirkt doppelt
- Moorwiedervernässung. Der größte Einzelposten unter den Landnutzungs-Hebeln, und zugleich die Rückgabe eines Lebensraums, den Deutschland fast vollständig entwässert hat. Auf der Hebel-Seite steht das Moor bisher nur als CO₂-Rechnung.
- Waldumbau zum Mischwald. Hält Wasser besser als Nadelholz-Reinbestände, brennt schlechter, und bringt Strukturen und Totholz zurück, an denen ein großer Teil der Waldarten hängt.
- Entsiegelung und Schwammstadt. Keine nennenswerte CO₂-Minderung, das steht auf der Anpassungsseite. Für Böden, Kleinklima und Stadtnatur aber unmittelbar wirksam.
- Extensivere Landwirtschaft. Senkt Lachgas aus Düngung und Stickstoffeintrag zugleich. Einer der wenigen Hebel, die an Ursache und Folge gleichzeitig ansetzen.
Steht im Konflikt
Energiepflanzen. Mais für Biogas belegt Fläche, und zwar in einer Anbauform, die für die Artenvielfalt zu den ärmsten gehört.
Auflösung: Reststoffe und Gülle statt Anbaubiomasse vergären, und Biogas dort einsetzen, wo es als speicherbare Leistung gebraucht wird, statt in der Grundlast.
Windkraft im Wald und an sensiblen Standorten. Betroffen sind vor allem Greifvögel und Fledermäuse, dazu Eingriffe durch Zuwegung und Rodung.
Auflösung: Standortsteuerung über die Regionalplanung, Repowering auf bereits belasteten Flächen, und bedarfsgesteuerte Abschaltung in den Zeiten mit dem höchsten Kollisionsrisiko.
Wasserkraft. Jedes Querbauwerk zerschneidet ein Fließgewässer. Für wandernde Fische ist die Durchgängigkeit oft entscheidender als die Wassermenge.
Auflösung: Fischauf- und -abstiege, Mindestwasserführung, und der Verzicht auf neue Querbauwerke an bislang durchgängigen Strecken. Der Ausbaubeitrag der Wasserkraft in Deutschland ist ohnehin gering.
Aufforstung mit den falschen Arten am falschen Ort. Schnellwachsende Reinbestände speichern zwar Kohlenstoff, aber sie ersetzen mitunter offene Lebensräume, die selbst schutzwürdig sind.
Auflösung: Standortgerechte Herkünfte und Mischbestände, und keine Aufforstung auf Magerrasen, Heiden oder Mooren. Dort ist die offene Fläche der Wert.
Photovoltaik auf Grünland. Konkurriert um genau die Flächen, deren Extensivierung der Artenvielfalt am meisten brächte.
Auflösung: Dächer, versiegelte Flächen und Konversionsflächen zuerst. Auf Freiflächen Agri-PV und naturverträgliche Ausgestaltung mit weiter Reihenstellung und extensiver Pflege darunter.
Ein Hinweis, der hierher gehört: Diese Konflikte sind real, und sie werden auch von Akteuren geführt, die weder Klimaschutz noch Artenschutz verfolgen. Dass ein Argument missbraucht wird, macht es nicht falsch, und dass es stimmt, macht es nicht zum Grund, nichts zu tun. Deshalb steht zu jedem Konflikt, wie er sich auflösen lässt.
Zwei Nutzen, aber nie eine Summe
Moorwiedervernässung ist Emissionsminderung und Habitatgewinn. Diese beiden Nutzen werden auf dieser Seite nie addiert, und der Naturnutzen taucht in keiner Tonnenzahl auf. Das ist dieselbe Regel wie umgekehrt bei der Begrünung, die Kühlung und Lebensraum bringt, aber keine nennenswerte Emissionsminderung. Wer Nutzen aus verschiedenen Dimensionen zusammenzählt, bekommt eine größere Zahl und eine schlechtere Auskunft.
Was diese Seite nicht leistet
Der Indikator misst Vögel, nicht Biodiversität. Insekten, Pflanzen, Bodenleben und Pilze kommen darin nicht vor, obwohl dort ein großer Teil der Vielfalt liegt. Die europäische Berichtspflicht liefert Zustandsbewertungen nur alle sechs Jahre, nicht jährlich, und sie beruht auf der Einschätzung der Mitgliedstaaten selbst. Es steht hier keine Projektion: eine geprüft offene deutsche Biodiversitätsprojektion gibt es nicht, und eine zu bauen wäre eine Erfindung. Und es steht hier keine Karte: eine räumliche Momentaufnahme gibt es nicht sinnvoll, und sie würde die Seite optisch zu einer Gefahrenseite machen, die sie nicht ist.
Warum es hier keine Geldzahl gibt
Für die Folgen des Klimawandels in Deutschland gibt es eine bezifferte Schadensrechnung. Der Verlust an Artenvielfalt steht nicht darin, und die Studie begründet das selbst: Er lässt sich nicht in dieselbe Einheit bringen, ohne etwas zu erfinden. Diese Seite zieht dieselbe Grenze. Wer nach einer Zahl sucht, findet dort die Lücke benannt, nicht gefüllt.
Die Kostenrechnung und ihre erklärten LückenQuellen:Indikator Artenvielfalt und Landschaftsqualität: Umweltbundesamt 2025, nach Bundesamt für Naturschutz 2025 und Daten des Dachverbands Deutscher Avifaunisten 2025; für die Darstellung aufbereitet. Rangfolge der Treiber: IPBES, Global Assessment on Biodiversity and Ecosystem Services, 2019. Erhaltungszustände: Nationaler Bericht nach Artikel 17 der FFH-Richtlinie, Berichtsperiode 2019 bis 2024, von Deutschland am 30.07.2025 an die EU-Kommission gemeldet; die europäische Bewertung dazu befand sich zum Zeitpunkt dieser Seite noch in öffentlicher Konsultation und wird hier deshalb nicht verwendet. Datengrundlage der Grafik: die XLSX zum Indikator (Fassung 2025-11-18), verarbeitet über pipeline/uba-arten-ingest.py; die Grafik ist eine eigene Darstellung, die UBA-Abbildung selbst steht unter CC BY-NC-ND und wird nicht übernommen.